Vizkuralspitze Globuli auf ein Blatt gestreut

Heilung, Humbug oder tödliches Hasardspiel?

Rezensionen

Wissenschaftsjournalistin Claudia Ruby polarisiert mit ARD-Doku über Heilpraktiker 

Von Susanne Kaul

Wer an der Schulmedizin verzweifelt, sucht häufig andere Wege und wendet sich an Heilpraktiker. Diese dürfen in Deutschland Krebs behandeln ohne ein entsprechendes medizinisches Studium. Einen enthüllenden Blick auf die Gefahren solcher Therapien wirft die ARD-Doku „Heilpraktiker: Quacksalber oder sanfte Alternative?“ und pustet damit zugleich in die Glut einer alten Kontroverse.

„Quacksalber oder sanfte Alternative?“ – ARD-Doku fasst brisantes Thema an

Webseiten-Foto Screenshot ARD Dokumentation Heilpraktiker

Die TV-Dokumentation beginnt wie ein Krimi:  ein Krankenwagen im Noteinsatz, eine Frau, die ins Krankenhaus eingeliefert wird, und eine Infusion in Nahaufnahme. Berichtet wird von der Niederländerin Joke K., die dort zwei Tage nach einer Krebsbehandlung bei dem deutschen Heilpraktiker Klaus R. stirbt. Zwei weitere Patienten ereilt 2016 dasselbe Schicksal: Sie bekommen die Chemikalie 3-Bromopyruvat verabreicht und sterben wenige Tage später daran. Grund dafür ist, dass der Heilpraktiker im weißen Arztkittel, wie sich im Gerichtsprozess in Krefeld herausstellen wird, den Stoff, der als Arzneimittel nicht zugelassen ist, aus Unkenntnis sechsfach überdosiert hat. Die vorgeblich hundertprozentig biologische Therapie entlarvt sich als unprofessionelle Chemo mit Todesfolge. Der Doku-Film zeigt, dass dies nicht nur ein tragischer Einzelfall ist, weil die Küchenwaage des Heilpraktikers zu ungenau war – sondern ein Fehler im Gesundheitssystem. Denn für einen Heilpraktikerschein gibt es nur eine niedrigschwellige Überprüfung medizinischer Grundkenntnisse. Danach dürfen Spritzen gesetzt, Infusionen verabreicht und Krebs behandelt werden. Weniger gefährlich, aber gleichwohl losgelöst von wissenschaftlicher Absicherung sind esoterische Methoden des Pendelns und der sogenannten Irisdiagnostik, die ebenfalls in der Doku gezeigt werden. Auch die Schulmedizin wird kritisch betrachtet, insofern deutlich wird: Wer zu einem der 47.000 Heilpraktiker in Deutschland geht, tut dies in der Regel aus Enttäuschung von Ärzten, die sich keine Zeit für Gespräche nehmen, die ihre Geräte amortisieren und nach einer oberflächlichen Untersuchung die üblichen Medikamente verschreiben. Zugunsten der Heilkunde werden wissenschaftlich anerkannte Verfahren wie Akupunktur positiv erwähnt. Kritisiert wird hingegen, dass Heilpraktiker in Deutschland beinahe wie Ärzte tätig sein dürfen, ohne deren Ausbildung absolvieren zu müssen. In den Niederlanden etwa dürfen sie keine Krebstherapien durchführen.

Hexenjagd auf Heilpraktiker? TV-Doku unter Beschuss

Die Zuschauer-Kommentare zu der TV-Doku im Internet reichen von erleichterter Bejahung bis hin zu wüsten Beschimpfungen. Die Kritik erfolgt zumeist nach dem Muster: „Mir hat mein Heilpraktiker aber ohne Operation und Medikamente geholfen!“ Oder: „Es gibt überall schwarze Schafe. Deshalb muss man nicht den Heilpraktiker-Beruf schlecht machen.“ Der Film wird auf der Contra-Seite als tendenziös, diffamierend und einseitig bewertet. Verteidiger argumentieren hingegen damit, dass eine Dokumentation sich ja durchaus auf das Aufdecken bewiesener Missstände konzentrieren dürfe, ohne gleichzeitig von schulmedizinischen Fehlern und Naturheil-Erfolgen berichten zu müssen.

Der Heilpraktikerverband verfasst am 11.11.2020 eine Beschwerde, die er an den WRD-Rundfunkrat richtet. Die Kernaussage des Schreibens lautet: „Der Film fällt an mehreren Stellen mit schwerwiegenden Falschaussagen und Auslassungen von leicht auffindbaren Fakten auf, argumentiert mit drei einseitigen Extremfällen und stellt damit den Zuschauer*innen ein gezielt diffamierendes Bild zur Verunglimpfung eines ganzganzen Berufsstandes von 47.000 Heilpraktiker*innen vor. Die Vorverurteilung zeigt sich bereits im Titel und Programmtext. Seriöser Journalismus hat andere Qualitäten!“ 

Regisseurin Claudia Ruby: „Ich habe mich auf Gegenwind eingestellt“

Per Messenger erfahren wir von Claudia Ruby, was sie bei den Recherchen persönlich am meisten bewegt hat. Überrascht gewesen sei sie davon, wie verbreitet wissenschaftlich zweifelhafte Verfahren unter Heilpraktikern seien. Bestürzt habe sie besonders, dass Joke und die anderen niederländischen Patienten davon ausgegangen seien, dass „in Deutschland doch alles gut geregelt“ sei. „Sie haben dem Gesundheitssystem vertraut und danach waren sie tot.“ Joke habe laut Ruby gute Chancen gehabt, mit einer konventionellen medizinischen Behandlung wieder gesund zu werden. Der Heilpraktiker habe sie getäuscht, sich maßlos überschätzt und trotz fahrlässiger Tötung das Gerichtsgebäude als freier Mann verlassen. Das Problem, das Ruby mit ihrer TV-Doku aufzeigen will, ist die Kombination von staatlicher Anerkennung und esoterischem Humbug bzw. falschen Heilversprechen in der Krebstherapie. 

Wir fragen die Filmemacherin, wie der mehrfach geäußerte Vorwurf bei ihr angekommen ist, sie diskreditiere den gesamten Berufsstand der Heilpraktiker. Sie verrät uns, dass die Kritik sie nicht kalt lasse und dass sie bei sachlicher Kritik immer die Punkte überdenke. Aber von Beschimpfungen nehme sie sich nichts an. Ihr Anliegen sei es gewesen, einen Mangel im Gesundheitssystem aufzudecken und eine Diskussion darüber in Gang zu bringen, die vielleicht irgendwann zu Reformen führe. Sie habe sich bei dem heiklen Thema von vornherein auf Gegenwind eingestellt.

Zusammenfassend erklärt sie:  

Claudia Ruby Portraitfoto

„Es ist, glaube ich, das, was viele Journalist/innen antreibt: über Probleme berichten und im besten Fall ein kleines Stück dazu beitragen, dass Dinge besser werden.“

Wissenschaftsjournalistin und Filmemacherin Claudia Ruby (Foto © C. Ruby)

 

Medienpolitisch kann es offensichtlich belebend sein, wenn eine TV-Doku aufzeigt, was schiefläuft. Klar gibt es Protest, wenn die Heilpraktiker den Eindruck gewinnen, in Sippenhaft genommen zu werden. Einige Vertreter der Zunft haben die Enthüllungen aber auch positiv gewürdigt. Letztlich profitieren sie davon, dass das Bundesgesundheitsministerium als Reaktion auf den Krefelder Prozess, der 2019 viel Beachtung in den Medien fand, ein Rechtsgutachten in Auftrag gegeben hat, in dem es darum geht, den Heilpraktiker-Beruf neu zu regeln. Denn mit verbesserten Qualitätsstandards in der Ausbildung und eingeschränkten Befugnissen in der Praxis sollte es in Zukunft weniger Gründe dafür geben, den Heilpraktikern Scharlatanerie zu unterstellen.

 

 

 

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